El Salvador, das gefährlichste Land der Erde: Mehr gemordet wird nirgendwo sonst!

El Salvador stand so garnicht auf der Liste der Länder, die ich besuchen wollte. Der Grund ist auch schnell gefunden: El Salvador gilt als das gefährlichste Land der Welt. Hört sich einladend an, oder?! Doch wie kommt es eigentlich dazu, dass gerade das kleinste Land Zentralamerikas, jedoch mit der höchsten Bevölkerungsdichte, einen so zweifelhaften Rum erlangt? Das liegt vor allem an der Mara Salvatrucha (MS) und dem Barrio 18, wohl die barbarischsten Gangs, die es gibt. Ich bin froh, dass ich mich vor meiner Zeit in El Salvador nicht näher mit der MS und Barrio 18 befasst habe, sonst wäre ich definitiv nicht in das Land gereist.

Eine Oase: Carlos Hostel in Santa Ana

In El Salvador werden im Jahr knapp 7000 Menschen ermordet – zum Vergleich: In Deutschland starben 2016 ca. 370 Menschen an einem Gewaltverbrechen. Das im Kopf steige ich mit einem äußerst mulmigen Gefühl aus dem Chicken-Bus, der uns nach Santa Ana im Nordwesten des Landes brachte. Santa Ana ist nach San Salvador die zweitwichtigste Stadt des Landes und unsere erste Station. Unser kleines Grüppchen stapft etwas zaghaft durch die Straßen zu unserem Hostel, es fühlt sich erstmal keiner sonderlich wohl. Das ändert sich als wir in der Casa Verde ankommen, das dem wunderbaren Carlos gehört. Dieses Hostel verdient ein paar Sätze, denn Carlos hat es mit so viel Sinn und Verstand eingerichtet, dass dem Backpacker wirklich das Herz aufgeht! Und wir haben Glück bis auf Mauro, ein Argentinier und Greg aus Australien sind wie drei die einzigen Gäste und können uns in dem Hostel mit schönem Pool ganz wie zu Hause bewegen. So beschließen wir auch, endlich unseren Pasta-Gelüsten nachzukommen und im Supermarkt alles nötige für einen Kohlehydrate-Overload einzukaufen. Und danach knallen wir uns vor den TV mit unglaublicher Soundanlage und einer DVD-Auswahl, bei der jeder schwach wird. Ein schöner erster Abend im gefährlichen El Salvador.

Drei Engel aus El Salvador

Mit Mauro machen wir uns am nächsten Tag auf den Weg zum Lago de Coatepeque, natürlich ganz standesgemäß mit dem Chicken-Bus. Wir verbringen einen entspannten Tag auf der Terrasse eines kleines Restaurants am See, wundern uns über die Bademode der uns umgebenden Herren und lassen den Blick über das tiefblaue Wasser streifen.  Am späten Nachmittag wollen wir uns auf den Weg zurück nach Santa Ana machen, warten aber leider vergeblich auf den Bus. Der kommt einfach nicht. Doch wer kommt, ist Nancy mit ihrem Sohn und ihrem Neffen, beide um die 17/18 Jahre alt. Sie halten neben uns vier Gestrandeten und fragen, ob sie uns mitnehmen können. Wir können unser Glück kaum fassen, wollen aber nicht zu fordernd sein und lehnen zunächst höflich ab. Doch die drei bestehen darauf, uns ein Stück mitzunehmen. Also quetschen wir uns zu siebt in den Kleinwagen und Mauro beginnt das Gespräch. Als Nancy und die beiden Jungs erfahren, dass wir gerade erst in El Salvador angekommen sind und noch nicht die Nationalspeise Pupusas gegessen haben, wird der eigentliche Plan uns an der nächsten Bushaltestelle abzusetzen kurzfristig geändert. Den Dreien ist es eine Herzensangelegenheit den Abend mit uns zu verbringen und uns in die Kultur des Landes einzuweihen. Von so viel Gastfreundschaft sind wir absolut überwältigt – vor allem als sich herausstellt, dass wir bis nach Santa Tecla fahren, um gemeinsam essen zu gehen.

Ohne Pupusas geht nichts

An Pupusas kommt man in El Salvador nicht vorbei. Und wenn man sie einmal probiert hat, will man das auch nicht mehr. So ging es auf jeden Fall uns. Es handelt sich bei den Dingern um Tortillas mit eingebackener Füllung. Dabei sind der Fantasie wenig Grenzen gesetzt: Käse, Fleisch, Gemüse, Avocado – man bekommt fast alles, was das Foodie-Herz begehrt. Es ist toll, von Nancy und den Jungs viel über das Leben in El Salvador zu erfahren. Nancys Geschichte geht uns ans Herz: Ihr Mann und ihre 12-jährige Tochter leben in den USA und sie hat beide seit zwei Jahren nicht mehr gesehen, denn das Geld fehlt und eine Einreise ist mit ihrem Pass fast unmöglich. Als sie uns das erzählt weint sie und uns wird mal wieder klar, welch privilegiertes Leben wir führen. Sie erzählt uns, wie viel sie als Angestellte in El Salvador verdient, wie im Vergleich hoch die Lebenskosten sind und wie schwer das Leben in diesem Land ist. Einige Stunden später bitten wir Nancy uns ein Taxi zu rufen, dass uns ins über 50 km entfernte Santa Ana bringen soll. Doch sie winkt entrüstet ab, für sie ist es selbstverständlich, dass sie uns fährt. Alles andere sei zu gefährlich. Wir können sie nicht davon abhalten und überschlagen uns fast, als die drei uns eine knappe Stunde später vor dem Hostel absetzen.

Unter Polizeischutz auf den nächsten Vulkan

Nachdem Jenn und ich uns nach dem Pacaya eigentlich geschworen haben, keinen weiteren Vulkan zu besteigen, schafft es Rene irgendwie, dass wir tags drauf uns irrsinnig früh mit ihm auf den Weg zum Vulkan Santa Ana zu machen um auch diesen zu erklimmen. Hurra!!! Mit seinen 2.381 Metern ist er der größte Feuerberg des Landes und auch ziemlich aktiv: der letzte Ausbruch war 2005. Wir versammeln uns also mit anderen Wanderbegeisterten (Vorsicht: Ironie) an den Toren des Nationalparks und werden da von unserem Guide instruiert. Er und zwei vollbewaffnete Polizisten werden unseren Aufstieg begleiten. Das sei in El Salvador ganz normal, denn man wolle die zahlungskräftigen Touristen ja auch wieder lebend zurückbringen. Ähm, ja, super, ich freu mich!  Nach Passagen durch grüne Wälder und karge Geröllfelder erreichen wir nach einigen Stunden den Kraterrand des Vulkans, aus dem verdächtiger Dampf aussteigt. Staunend betrachten wir den türkisblauen Sulfursee in der Mitte des Kraters und machen uns nach einem kleinen Picknick wieder auf den Abstieg.

Ich gebe es zu, unten angekommen bin ich etwas unleidlich und erkläre dem verdutzten Rene sehr deutlich, dass ich nicht bereit bin so eine Sch… (so empfand ich es in dem Moment) nochmal zu machen und ich mich weigere, in den kommenden Tagen schon wieder wandern zu gehen. Rene nimmt’s mit Humor und erträgt meinen kleinen Ausbruch mit seligem Lächeln.

Ruta de las Flores: Wir erklimmen Wasserfälle

Wir lassen Santa Ana hinter uns und nehmen den Bus Richtung Sonsonate, um die Rutas de las Flores zu besuchen. Wir steigen in Juayua ab und landen so im Kaffee-Mekka El Salvadors. Die Rutas de las Flores bekommt ihren Namen durch die zahlreichen blühenden Blumen und Sträucher, die die Straßen säumen. Man besucht diesen Teil des Landes vor allem, wenn man verrückt nach gutem Kaffee und Essen ist. Zweites trifft auf jeden Fall auf mich zu, bei ersterem sage ich auch nicht Nein. Wir klappern also am nächsten Tag die umliegenden kleinen bunten Dörfer ab, trinken leckeren Kaffee, essen, natürlich wie soll es sonst sein, jede Menge Pupusas und anderes Leckeres. Tja, und dann hat es Rene schon wieder geschafft: nur wenige Tage nach meinem kleinen Ausbruch am Fuße des Vulkans gehe ich mit ihm…WANDERN. Und zwar treten wir drei den „Seven Waterfall Hike an“. Vorher erkunde ich mich im Hostel aber mal über den Schwierigkeitsgrad und mir wird versichert „super easy, kannst Du locker in Flip Flops machen.“ Na dann! Auf Flip Flops verzichte ich mal lieber wegen meines immer noch angeschlagenen Fußes (jaja, der Bänderriss in Australien begleitet mich immer noch). So werden wir am nächsten Morgen von unserem Guide in aller Herrgottsfrühe abgeholt und sammeln einen zweiten Guide sowie Equipment ein. Da werde ich schon etwas stutzig, kann mir aber nicht vorstellen, dass Schutzhelme und Seile für uns sind. Begleitet wird unser kleiner Trupp von sieben Hunden, die uns die komplette Wanderung nicht von der Seite weichen.

Vertraue niemanden, der behauptet, das ginge auch in Flip Flops

Nach rund einer Stunde haben wir den ersten Wasserfall erreicht und bis jetzt geht es wirklich. Ich habe auf jeden Fall weniger Probleme als der jüngste Hund im Rudel. Der mag nämlich kein Wasser. Schlecht bei einem Waterfall-Hike, wusste er wahrscheinlich im Vorfeld nicht.  Aber er lenkt sich einfach ein bisschen damit ab, indem er ein halb verrottetes Kaninchen ausgräbt und mit voller Hingabe an meine Beine reibt. Ein Traum! Nach Wasserfall zwei muss ich sagen, dass mir diese Wanderung doch zusagt. Doch das war etwas zu früh gefreut, denn nun geht es los und Seil und Helme kommen zum Einsatz. Und ich höre noch die Worte „super easy, kannst Du locker in Flip Flops machen“ als mein Guide mir mit Händen und Füßen klar macht, dass ich mich nun bitte an dem Seil die Steilwand unter dem Wasserfall runterlassen soll. Ich glaub, es hackt? Spinnt der? Ohne Sicherung? An einem ollen Seil? Ich denke daran, wie in Deutschland so eine Wanderung aussehen würde. Klettergeschirr, Sicherheitshaken, TÜV-geprüftes Brimborium. Und ich? Ich stehe im Regenwald von El Salvador umgeben von sieben Hunden und soll mich an einem altersschwachen Seil ohne jegliche Sicherung 20 Meter in die Tiefe runterlassen. Rene erkennt mit seinem diplomatischen Geschick, dass sich ein deutsches Donnerwetter zusammenbraut und nimmt mich und die ebenso wenig begeisterte Jenn zur Seite. Er redet uns gut zu und letztendlich muss ich ihm recht geben: wir müssen darunter, es gibt keinen anderen Weg…

Klettern mit altersschwachem Seil

Mit großem Gezeter lasse ich mich langsam den Wasserfall hinab und bin mehr als glücklich unten mit leicht zitternden Armen endlich wieder Boden unter den Füßen zu haben. Ich bin aber nich die einzige, die das Ganze nicht so locker nimmt. Zwei der Hunde weigern sich komplett, den steinigen Abhang hinunterzuklettern. Es braucht geschlagene 30 Minuten bis wir es mit Engelszungen geschafft haben, die zwei Vierbeiner auch noch zu überzeugen. Alles in allem gibt der Waterfall-Hike also eine gute Geschichte her und wir lachen darüber beim Picknick und schwimmen in den natürlichen Wasserbecken.

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Carlos Hostel Casa Verde

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Am Lago de Coatepeque

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So sieht Bademode für Herren in El Salvador aus

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Beim Pupusa-Essen mit Nancy und den Jungs

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Geschafft! Am Kraterrand des Santa Ana-Vulkans

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Wir erlaufen uns die Rutas de las Flores

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Das kleine Örtchen Ataco

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Sieht komisch aus, ist aber lecker: Smoothie aus dem Plastikbeutel

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Ähm ja, darunter soll ich

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Auch die Hunde gucken ungläubig

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Auf dem Waterfall-Hike

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Schon ganz schön hoch

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