Von der PR-Managerin zur Tatortreinigerin: Wie lässt man zwanzig tote Hühner im kanadischen Backland verschwinden?

Das eigentlich Besondere an meinem ersten Workaway ist, dass ich die Farm für knappe  zwei Wochen alleine betreuen werde. Ausgestattet mit einer Liste von Telefonnummern für den Notfall verabschieden mich Doug und Pat am frühen Morgen um sich auf die Reise in die USA zu machen. Am Tag zuvor haben Doug und ich eine ausgedehnte Shopping-Tour in 100 Mile House gemacht, damit ich in den zwei Wochen nicht verhungere. Ehrlich gesagt, freue ich mich riesig darauf, jeden Tag in dieser toll ausgestatteten Küche für mich zu kochen.

Und auf einmal ganz alleine

Als die beiden vom Gelände fahren, setze ich mich erst mal mit einer Tasse Kaffee in die Küche und überlege mir, wie ich meinen Tagesablauf so in den kommenden Tagen gestalte. Ich habe einige Aufgaben übertragen bekommen, die ich neben dem Versorgen der Tiere übernehmen werde, doch Doug und Pat haben es wirklich gut gemeint. Um zu wenig Freizeit muss ich mir auf keinen Fall Gedanken machen.

Keine Angst vor Psychopathen

Der erste Tag läuft entspannt ab, ich versorge meine Tiere, fahre mit dem ATV die Zäune ab, drehe mit Cinder und Duke eine Runde durch das traumhafte Gelände und sitze am späten Nachmittag glücklich auf der Terrasse und genieße die Sonne mit Ivy auf meinem Schoß. Nachdem ich wenig später meine letzte Runde durch die Ställe gedreht habe, stelle ich mich in die Küche und bereite mir ein leckeres Abendessen zu, dass ich mit echtem Qualitätsfernsehen (auch in Kanada gibt’s den Bachelor) zu mir nehme. Als ich so alleine im Nirgendwo in den riesigen Haus sitze, wird mir zunächst schon ein wenig mulmig. Mulmig vor allem deswegen, weil ich an die unabgeschlossenen Türen denke. Bevor Doug und Pat abgereist sind, habe ich mich nach den Schlüsseln erkundigt und er hat mich ein wenig verständnislos angeschaut. Er erklärte mir, dass er keine der Türen jemals abgeschlossen habe und daher gar nicht wüsste, wo die Schlüssel sind. Gut, dann bleiben die Türen eben offen…

Schock am ersten Morgen alleine

Die erste Nacht überstehe ich bestens, ich schlafe entspannt und mache mir keine Gedanken, über irgendwelche Psychopathen, die mich im Schlaf ermorden möchten. Meine Tierpflege-Routine beginnt pünktlich am nächsten Morgen und nachdem ich Duke und die Ziegen versorgt habe, mache ich mich auf zum Hühnerstall. Nachts sind die Tiere immer geschützt im Stall und tagsüber draußen. Ich öffne die Stalltür und bleibe wie angewurzelt mit weit aufgerissenen Augen stehen.  Zwar hüpfen mir einige der Hühner wie jeden Morgen freudig entgegen, doch mein Blick ruht auf den Tieren die leblos am Boden liegen. Ich kann nicht glauben, was ich da sehe und muss näher herangehen um Gewissheit zu bekommen. Vor mir liegt knapp die Hälfte der Tiere tot auf dem Stallboden. Ich kann mir nicht erklären, was passiert ist, suche zunächst nach Bisswunden oder ähnlichem, da ich mir keine andere Todesart erklären kann. Doch ich finde…nichts! Die Körper sind auf den ersten Blick unverletzt nur eben tot! Meine Gedanken überschlagen sich und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich stürze ins Haus und rufe mit bebender Stimme Doug an.  Die beiden sind gerade 24 Stunden weg und schon bricht die Katastrophe über mich herein… Doug beruhigt mich und versichert mir, dass er weiß, dass ich nichts falsch gemacht habe. Er ist dankenswerter Weise sehr entspannt und wir überlegen, wie ich die Viecher am besten loswerde. Denn einfach mal so 20 Hühner entsorgen ist in Kanada recht schwierig. Sie müssen tief vergraben werden, damit Bären, Wölfe und Bergpumas sich nicht an den Kadavern satt futtern. Doug erklärt mir, dass ich seinen Freund Erik bitten soll, mir ein Loch im Wald mit dem Bagger auszuheben (ja, sowas gehört in Kanada zur Grundausstattung). Also gilt mein nächster Anruf Erik, der mir gleich eröffnet, dass er erst morgen einsatzbereit ist. Spitze! Und was mach ich dann mit den 20 angegammelten Hühnern? Ok, das wird wohl wieder mal ein nächster Riesenschritt aus der Komfortzone heraus. In Regenjacke, Gummistiefeln und mit Gummihandschuhen bewaffnet, mache ich mir zurück auf den Weg zum Ort des Grauens. Eins nach dem anderen schnappe ich mir die Hühner an den Beinen und schmeiße sie schwungvoll in einen kleinen Container. Dabei wird mir in regelmäßigen Abständen schlecht, denn der Geruch ist bereits jetzt schon mehr als unangenehm.  Und über die schon leicht steifen toten Körper, die ich durch die Gummihandschuhe spüre, wollen wir gar nicht sprechen.

Ist ja klar, dann auch noch ein Bär

Kurze Zeit später habe ich alle Hühner in den Container gepackt und hieve das sauschwere Ding auf die Ladefläche des ATVs, ständig mit Übelkeit kämpfend. Diesen fahre ich dann in die große Scheune und stelle ihn dort bärensicher ab. Es ist kurz nach neun und der Tag ist eigentlich schon für mich gelaufen. Bei allen anderen Aufgaben muss ich immer wieder an die 20 Leichen denken, die in der Scheune auf ihre Beerdigung warten. Am frühen Abend tappe ich daher auch recht verwirrt mit Duke los um einen kleinen Abendspaziergang zu machen. Rund einen Kilometer weg von der Farm biegen wir im Wald um eine Ecke und da steht er, mein erster Bär. Ich kann nicht glauben, dass mir das jetzt auch noch passieren muss. Denn natürlich habe ich an diesem Tag keinen Bearbanger dabei und bin völlig wehrlos bis auf Duke an meiner Seite. Der Bär ist zum Glück ein Stück entfernt, doch er hat uns bereits entdeckt. Ich durchforste mein Gehirn, was nun die richtige Verhaltensweise ist und entscheide mich dafür, mit zwei Ästen bewaffnet (sich groß machen) ganz langsam und ruhig den Rückwärtsgang einzulegen. Dieser Bär ist gnädig und verschwindet kurz darauf im Dickicht.

Entsorgung der Leichen – mit dem Bagger

Als ich zu Hause ankomme, bin ich komplett durchgeschwitzt und einfach nur froh, als ich die Haustür zumache und den Tag für mich beende. Denn ich weiß, dass der nächste nicht viel besser wird, der erste Programmpunkt lautet: Beerdigung! Voller Grauen öffne ich morgens noch vor dem Frühstück die Scheune und bin erleichtert, dass ich mich bei dem Geruch nicht direkt übergebe. Ich starte den ATV und brettere mit den stinkenden, gammelnden Hühnern auf der Ladefläche und einem äußerst begeisterten Hund, der immer wieder seine Kreise um den ATV zieht, über hubbelige Feldwege Richtung Wald. Wenn es nicht so traurig und eklig wäre, wäre das Bild, das ich hier abgebe, die perfekte Vorlage für eine Klamauk-Komödie. Und natürlich passiert dann auch noch, was bei meinem Fahrstil passieren musste: Der Container gibt und ich verliere zwei Hühner. Also, anhalten, Handschuhe an und die zwei blauangelaufenen Viecher wieder einsammeln und weiterfahren. Auf der Lichtung im Wald treffe ich Erik, der bereits ein immenses Loch ausgehoben hat. Wortkarg schleppen wir den Container samt Inhalt zu dem Loch und werfen die Hühner in ihr Grab. Der Gestank ist unglaublich und ich befürchte, dass ich mich letztendlich doch noch übergeben muss. Aber nein, ich schlage mich wacker!!! Als ich wieder auf der Farm ankomme, bin ich wirklich stolz auf mich und wundere mich doch, wie handfest ich so als kanadisches Horsegirl bin…

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Die Truthähne haben das Massaker bestens üebrstanden

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Mein bester kanadischer Freund: Duke

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Duke ist bei allem dabei, auch beim Yoga auf der Terrasse

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Eine große Pferdeliebe: Cinder

 

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