Leben in der kanadischen Wildnis: Mein erstes Workaway

Auf meiner Wunschliste, die ich vor meiner Weltreise erstellt habe, stand neben vielen anderen Punkten, die ich bereits abhaken konnte auch, mindestens einmal ein Workaway zu machen. Und da ich mir Kanada sowieso nur schwer leisten kann, bietet sich dieses riesige Land an dafür. Workaway bedeutet, dass man seine Arbeitskraft für einige Stunden am Tag anbietet und dafür freie Kost und Logis bekommt. Über die passende Plattform hatte ich bereits in den USA Kontakt zu Pat und Doug aufgenommen, die in der Nähe von 100 Mile House, rund 2 ½ Stunden nördlich von Kamloops, ihre kleine Farm haben. Dort leben mit ihnen sechs Pferde, ein Hund, drei Ziegen, 40 Hühner und 10 Truthähne.

Mit dem Greyhound ins Hinterland

Nach siebenstündiger Busfahrt von Vancouver nach 100 Mile House sammelt mich Doug an der Haltestelle ein und packt meinen Rucksack auf die Ladefläche des Trucks. Zunächst drehen wir zwei noch eine Runde durch den Supermarkt und dann geht es los: Wir verlassen das kleine Örtchen und die einsame Straße führt uns immer weiter weg von der Zivilisation, durch das Fenster bestaune ich die Landschaft mit sanften Hügeln, zotteligen Kühen auf grünen Wiesen und immer wieder kleinen Seen, die sich in die Täler schmiegen. Irgendwann biegen wir auf einen unbefestigten Weg ab und treffen nach weiteren 15 Minuten auf der Farm ein. Es ist genauso, wie ich mir eine Farm in Kanada vorstelle. Die langgezogene Auffahrt führt zu einem großen Blockhaus und erspähe sofort das, auf was ich mich am meisten gefreut habe: Die Pferde. Als ich aus dem Truck steige hüpft sofort Duke, der Hund der Familie, um mich rum und ich begrüße meinen besten Freund für die nächsten vier Wochen.

Mein Zuhause: Eine Hütte im Wald

Nach dem mich Doug durch das Haus und das Gelände darum geführt hat, beziehe ich meine kleine Hütte, die etwas entfernt am Wald liegt. Dort werde ich wohnen, bis Doug und Pat in Urlaub fahren. Denn genau das ist die wahre Herausforderung an meinem Workaway. In zehn Tagen werde ich alle Abläufe auf der Farm kennenlernen, kann all meine Fragen stellen und dann mach ich das einfach mal alleine. Und ich meine GANZ alleine. Die Farm liegt abgeschieden, Nachbarn und Handyempfang gibt es erst in 10 km Entfernung. Aber ich werde das schon hinbekommen. Für mich ein nächster, sehr großer Schritt raus aus meiner persönlichen Komfortzone. Ich werde versuchen, meine ganz ureigenen Ängste vor dem Alleinesein in der kanadischen Einöde zu bekämpfen und meine Gedanken an axtschwingende Psychopathen versuchen aus meinem Kopf zu verbannen.

Schwarzbären sind faul, Grizzlies nicht!

Unseren Abend verbringen Pat, Doug und ich bei einem wunderbaren Abendessen in der wunderschönen Küche, erzählen aus unseren Leben und spielen stundenlangen Karten. Und wir sprechen über Bären… Denn die gibt es hier nicht zu wenig. Doug erklärt mir, wie ich mich zu verhalten habe, wenn ich widererwartend doch direkt auf einen treffen sollen. Bei diesem Gespräch wird mir ganz mulmig und ich merke, dass ich nicht so unbekümmert durch den Wald tapsen werde, wie ich es zuhause mache, wo die größte Gefahr ein wildgewordenes Wildschwein ist. Wenigstens befinde ich mich hier am Rande des Wells Gray Nationalparks in einem Gebiet, wo es „nur“ Schwarzbären gibt. Grizzlies findet man hier nicht. Natürlich ist mit beiden nicht zu spaßen, aber der Grizzly ist doch noch mal eine andere Hausnummer. Doug erklärt mir das so: Schwarzbären sind fauler als Grizzlies und haben in der Regel nicht wirklich Lust, richtig für ihr Essen zu kämpfen. Wenn man sich also größer macht als man ist (Äste in die Hand nehmen!) oder am besten noch auf einem Pferd sitzt, nehmen sie meist reiß aus.  Für mich wird die Regel eingeführt, dass ich immer Duke an meiner Seite habe, sobald ich die nähere Umgebung des Hauses verlasse. Und wenn ich im Wald bin soll ich singen, mit Duke laut sprechen oder Musik hören, um mich anzukündigen und keinen Bären zu überraschen.

Schützt Enrique Iglesias vor wildgewordenen Bären?

Als ich wenig später vor die Haustür in die Dunkelheit trete, tue ich das mit einem komischen Gefühl. Ich schaue mich um und erwarte eigentlich, dass sich dem Stockfinsteren gleich ein Bär auf mich stürzt. Also, setze ich einen der Tipps gleich mal um und drehe meine Latin Pop-Playliste auf volle Lautstärke als ich mich zu Fuß bewaffnet mit Taschenlampe auf den Weg zu meiner Hütte mache. Jedes Knacken in der Dunkelheit jagt mir Schauer über den Rücken und als meine Taschenlampe auf ein Paar Augen im Wald zu meiner Linken trifft, bleibt mir fast das Herz stehen und ich verfluche, dass ich das Angebot mich zu meiner Hütte zu fahren so locker flockig abgelehnt habe. Enrique Iglesias plärrt aus dem Lautsprecher meines Handys und ich schaue nochmal genauer nach, was mich da aus dem Dunkel anstarrt und, ach, mein Herz setzt wieder ein, es ist nur Ivy, die Katze. Auf den letzten Metern setze ich auf die Abwehrtipps noch einen drauf und singe mit Enrique um die Wette. Als ich endlich die Tür zu meiner winzigen Hütte aufgeschlossen habe, den Raum nach Bären abgesucht habe und die Tür hinter mir zuschließe, bin ich echt gesagt fix und fertig!

Der erste Arbeitstag

Mein erster „Arbeitstag“ beginnt damit, dass Doug und ich die Hühner aus ihrem Stall lassen, die frischen Eier aus den Nestern holen und dem Federvieh Futter und Wasser geben. Danach geht es zu Jewels, Ringo und Petunia, die Ziegen, die schon an dem Gatter rütteln, denn sie wollen raus zum Grasen. Ich ziehe ihnen die kleinen Halfter über, öffne das Tor und werde von den dreien über das Gelände geschleift. Drei Ziegen am Strick, die alle in eine andere Richtung möchten und sich ineinander verheddern können einen schon überfordern. Ich binde die wilde Bande an Pfählen fest und sie stürzen sich auf das frische Gras um sie herum. Als nächstes stehen Duchess und Tooey auf dem Plan, zwei der sechs Pferde, die ich betreue. Die restlichen vier befinden sich auf dem riesigen Weiden, die uns umgeben, und müssen nicht verpflegt werden, da sie Wasser und Futter en masse haben. Duchess steht auf einem kleinen Paddock und wird gerade von Doug nach Natural Horsemanship ausgebildet und ich werde ihn dabei unterstützen. Tui ist gerade mal 12 Monate alt und sie wird langsam an den Umgang mit Menschen herangeführt. Ich putze die kleine Maus, drehe ein paar Runden am Halfter mit ihr und füttere sie als Belohnung.

Meine neue Liebe: Das Quadfahren

Danach überreicht Doug mir die Schlüssel zu meinem Gefährt, das mich die kommenden Wochen durch das Unterholz bringen wird: Mein eigenes Quad, hier ATV genannt. Ich kann es kaum erwarten, mich auf das Ding zu schmeißen und damit durch das kanadische Backland zu brettern! Ich helfe Doug nun beim Aufräumen Lagerhalle, wir schleppen Holzbohlen, schmeißen alte Trennwände auf den Pickup und machen Platz für den neuen Traktor, der in den nächsten Tagen kommen soll. Am Mittag sitzen wir Zwei um den Mittagstisch und essen die leckeren Reste des Abendessens bevor wir uns wieder aufraffen und zwei Stunden das Ausbildungsprogramm mit Duchess durchziehen. Die Gute ist schlecht gelaunt und es ist nicht wirklich eine Freude an diesem Tag mit ihr zu arbeiten. Das ist aber auch die letzte Aufgabe für diesen Tag, ich schnappe mir noch einen Kaffee und steige dann, nachdem Doug mir eine kurze Einweisung gibt auf meinem ATV. Und ich weiß bereits im ersten Moment, dass ich dieses Ding LIEBEN werden. Ich knattere mit 30km/h (jaja, eigentlich viel zu schnell) über den Waldweg zu meiner Hütte und bin begeistert!

Mal schnell die Pferde holen dauert in Kanada Stunden

Die kommenden Tage verbringe ich auf der Farm, lerne den täglichen Ablauf kennen, freue mich jeden Morgen auf die Viecher, genieße das wunderbare Essen, das uns Pat täglich auftischt und bin happy mal wieder Raum für mich zu haben. Mein eigenes kleines Reich in der Hütte mit eigenem Bad, ein Schrank, in dem ich all meine Habseligkeiten verstauen kann und nicht für jedes T-Shirt in meinem Rucksack abtauchen muss. Am ersten Wochenende auf der Farm bekommen wir Besuch von Dougs Bruder, seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar. Wir machen einen Ausflug nach 100 Mile House zum Essen und nutzen den sonnigen Samstag für unseren ersten Ausritt. Auf den habe voller Ungeduld gewartet und ich freue mich riesig als mir Doug eröffnet, dass er die hübsche Morab-Stute Cinder für mich vorgesehen hat. Er bittet mich, Cinder, Dakota, Little Rose und Brasslin von der Wiese zu holen. Das ist etwas anderes, als wenn man in Deutschland mal kurz zum Pferde einfangen geschickt wird. Ich nehme dafür den ATV und habe die Umgebung immer im Blick (wegen der Bären) als ich durch den Wald brettere um meine kleine Herde zu finden. Nach mehr als dreißig minütiger Suche habe ich die vier endlich gefunden und mache mich mit ihnen zu Fuß auf den nicht unbeträchtlichen Weg zum Haus zurück.

Ein Herz und eine Seele: Cinder und ich

Die Infos, die ich von Doug zu Cinder bekomme sind spärlich. Zwar sei sie nicht ganz einfach, aber eine erfahrene Reiterin wie ich käme schon mit ihr klar. Na, davon gehe ich aus und genieße den zweistündigen Ritt durch die beeindruckende unberührte Natur. Und Doug behält recht: Cinder und ich passen perfekt zusammen und verstehen uns prima. Nach dem Ritt nimmt mich Doug zur Seite und spricht mir sein Kompliment aus. Denn nun rückt er mit der Wahrheit raus: Cinder wurde schon Monate nicht mehr geritten, da eigentlich niemand wirklich mit ihr klarkommt und sie ihre Reiter gerne mal absetzt. Ich bin froh, dass ich das nicht im Vorfeld wusste und ganz unbefangen auf das Pferd gestiegen bin. Doug auf jeden Fall ist beeindruckt und sagt mir, dass ich Cinder für meine Zeit auf der Farm als mein eigenes Pferd betrachten dürfe und so viele Ausritte, wie ich wolle, mit ihr machen dürfe – auch wenn ich alleine das Haus hüte. Ich freue mich über so viel Vertrauen und merke schon an diesem Tag, dass es Cinder in mein Herzchen schaffen könnte.

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Der Weg von meiner Hütte zur Farm

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Ein kanadischer Traum

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Mein Pick Up

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Duke begleitet Cinder und mich beim Ausritt

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Ja, das ist eine frische Bärentatze

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Das eigene Gemüse ernten – toll!

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Die Ausbrecher-Könige

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Auf Bären-Patrouille

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Immer dabei: Duke!

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Meine kleine Ivy

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Manchmal kommt man auch mit dem Quad nicht weiter

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