Leben in der kanadischen Wildnis: Mein erstes Workaway

Auf meiner Wunschliste, die ich vor meiner Weltreise erstellt habe, stand neben vielen anderen Punkten, die ich bereits abhaken konnte auch, mindestens einmal ein Workaway zu machen. Und da ich mir Kanada sowieso nur schwer leisten kann, bietet sich dieses riesige Land an dafür. Workaway bedeutet, dass man seine Arbeitskraft für einige Stunden am Tag anbietet und dafür freie Kost und Logis bekommt. Über die passende Plattform hatte ich bereits in den USA Kontakt zu Pat und Doug aufgenommen, die in der Nähe von 100 Mile House, rund 2 ½ Stunden nördlich von Kamloops, ihre kleine Farm haben. Dort leben mit ihnen sechs Pferde, ein Hund, drei Ziegen, 40 Hühner und 10 Truthähne.

Mit dem Greyhound ins Hinterland

Nach siebenstündiger Busfahrt von Vancouver nach 100 Mile House sammelt mich Doug an der Haltestelle ein und packt meinen Rucksack auf die Ladefläche des Trucks. Zunächst drehen wir zwei noch eine Runde durch den Supermarkt und dann geht es los: Wir verlassen das kleine Örtchen und die einsame Straße führt uns immer weiter weg von der Zivilisation, durch das Fenster bestaune ich die Landschaft mit sanften Hügeln, zotteligen Kühen auf grünen Wiesen und immer wieder kleinen Seen, die sich in die Täler schmiegen. Irgendwann biegen wir auf einen unbefestigten Weg ab und treffen nach weiteren 15 Minuten auf der Farm ein. Es ist genauso, wie ich mir eine Farm in Kanada vorstelle. Die langgezogene Auffahrt führt zu einem großen Blockhaus und erspähe sofort das, auf was ich mich am meisten gefreut habe: Die Pferde. Als ich aus dem Truck steige hüpft sofort Duke, der Hund der Familie, um mich rum und ich begrüße meinen besten Freund für die nächsten vier Wochen.

Mein Zuhause: Eine Hütte im Wald

Nach dem mich Doug durch das Haus und das Gelände darum geführt hat, beziehe ich meine kleine Hütte, die etwas entfernt am Wald liegt. Dort werde ich wohnen, bis Doug und Pat in Urlaub fahren. Denn genau das ist die wahre Herausforderung an meinem Workaway. In zehn Tagen werde ich alle Abläufe auf der Farm kennenlernen, kann all meine Fragen stellen und dann mach ich das einfach mal alleine. Und ich meine GANZ alleine. Die Farm liegt abgeschieden, Nachbarn und Handyempfang gibt es erst in 10 km Entfernung. Aber ich werde das schon hinbekommen. Für mich ein nächster, sehr großer Schritt raus aus meiner persönlichen Komfortzone. Ich werde versuchen, meine ganz ureigenen Ängste vor dem Alleinesein in der kanadischen Einöde zu bekämpfen und meine Gedanken an axtschwingende Psychopathen versuchen aus meinem Kopf zu verbannen.

Schwarzbären sind faul, Grizzlies nicht!

Unseren Abend verbringen Pat, Doug und ich bei einem wunderbaren Abendessen in der wunderschönen Küche, erzählen aus unseren Leben und spielen stundenlangen Karten. Und wir sprechen über Bären… Denn die gibt es hier nicht zu wenig. Doug erklärt mir, wie ich mich zu verhalten habe, wenn ich widererwartend doch direkt auf einen treffen sollen. Bei diesem Gespräch wird mir ganz mulmig und ich merke, dass ich nicht so unbekümmert durch den Wald tapsen werde, wie ich es zuhause mache, wo die größte Gefahr ein wildgewordenes Wildschwein ist. Wenigstens befinde ich mich hier am Rande des Wells Gray Nationalparks in einem Gebiet, wo es „nur“ Schwarzbären gibt. Grizzlies findet man hier nicht. Natürlich ist mit beiden nicht zu spaßen, aber der Grizzly ist doch noch mal eine andere Hausnummer. Doug erklärt mir das so: Schwarzbären sind fauler als Grizzlies und haben in der Regel nicht wirklich Lust, richtig für ihr Essen zu kämpfen. Wenn man sich also größer macht als man ist (Äste in die Hand nehmen!) oder am besten noch auf einem Pferd sitzt, nehmen sie meist reiß aus.  Für mich wird die Regel eingeführt, dass ich immer Duke an meiner Seite habe, sobald ich die nähere Umgebung des Hauses verlasse. Und wenn ich im Wald bin soll ich singen, mit Duke laut sprechen oder Musik hören, um mich anzukündigen und keinen Bären zu überraschen.

Schützt Enrique Iglesias vor wildgewordenen Bären?

Als ich wenig später vor die Haustür in die Dunkelheit trete, tue ich das mit einem komischen Gefühl. Ich schaue mich um und erwarte eigentlich, dass sich dem Stockfinsteren gleich ein Bär auf mich stürzt. Also, setze ich einen der Tipps gleich mal um und drehe meine Latin Pop-Playliste auf volle Lautstärke als ich mich zu Fuß bewaffnet mit Taschenlampe auf den Weg zu meiner Hütte mache. Jedes Knacken in der Dunkelheit jagt mir Schauer über den Rücken und als meine Taschenlampe auf ein Paar Augen im Wald zu meiner Linken trifft, bleibt mir fast das Herz stehen und ich verfluche, dass ich das Angebot mich zu meiner Hütte zu fahren so locker flockig abgelehnt habe. Enrique Iglesias plärrt aus dem Lautsprecher meines Handys und ich schaue nochmal genauer nach, was mich da aus dem Dunkel anstarrt und, ach, mein Herz setzt wieder ein, es ist nur Ivy, die Katze. Auf den letzten Metern setze ich auf die Abwehrtipps noch einen drauf und singe mit Enrique um die Wette. Als ich endlich die Tür zu meiner winzigen Hütte aufgeschlossen habe, den Raum nach Bären abgesucht habe und die Tür hinter mir zuschließe, bin ich echt gesagt fix und fertig!

Der erste Arbeitstag

Mein erster „Arbeitstag“ beginnt damit, dass Doug und ich die Hühner aus ihrem Stall lassen, die frischen Eier aus den Nestern holen und dem Federvieh Futter und Wasser geben. Danach geht es zu Jewels, Ringo und Petunia, die Ziegen, die schon an dem Gatter rütteln, denn sie wollen raus zum Grasen. Ich ziehe ihnen die kleinen Halfter über, öffne das Tor und werde von den dreien über das Gelände geschleift. Drei Ziegen am Strick, die alle in eine andere Richtung möchten und sich ineinander verheddern können einen schon überfordern. Ich binde die wilde Bande an Pfählen fest und sie stürzen sich auf das frische Gras um sie herum. Als nächstes stehen Duchess und Tooey auf dem Plan, zwei der sechs Pferde, die ich betreue. Die restlichen vier befinden sich auf dem riesigen Weiden, die uns umgeben, und müssen nicht verpflegt werden, da sie Wasser und Futter en masse haben. Duchess steht auf einem kleinen Paddock und wird gerade von Doug nach Natural Horsemanship ausgebildet und ich werde ihn dabei unterstützen. Tui ist gerade mal 12 Monate alt und sie wird langsam an den Umgang mit Menschen herangeführt. Ich putze die kleine Maus, drehe ein paar Runden am Halfter mit ihr und füttere sie als Belohnung.

Meine neue Liebe: Das Quadfahren

Danach überreicht Doug mir die Schlüssel zu meinem Gefährt, das mich die kommenden Wochen durch das Unterholz bringen wird: Mein eigenes Quad, hier ATV genannt. Ich kann es kaum erwarten, mich auf das Ding zu schmeißen und damit durch das kanadische Backland zu brettern! Ich helfe Doug nun beim Aufräumen Lagerhalle, wir schleppen Holzbohlen, schmeißen alte Trennwände auf den Pickup und machen Platz für den neuen Traktor, der in den nächsten Tagen kommen soll. Am Mittag sitzen wir Zwei um den Mittagstisch und essen die leckeren Reste des Abendessens bevor wir uns wieder aufraffen und zwei Stunden das Ausbildungsprogramm mit Duchess durchziehen. Die Gute ist schlecht gelaunt und es ist nicht wirklich eine Freude an diesem Tag mit ihr zu arbeiten. Das ist aber auch die letzte Aufgabe für diesen Tag, ich schnappe mir noch einen Kaffee und steige dann, nachdem Doug mir eine kurze Einweisung gibt auf meinem ATV. Und ich weiß bereits im ersten Moment, dass ich dieses Ding LIEBEN werden. Ich knattere mit 30km/h (jaja, eigentlich viel zu schnell) über den Waldweg zu meiner Hütte und bin begeistert!

Mal schnell die Pferde holen dauert in Kanada Stunden

Die kommenden Tage verbringe ich auf der Farm, lerne den täglichen Ablauf kennen, freue mich jeden Morgen auf die Viecher, genieße das wunderbare Essen, das uns Pat täglich auftischt und bin happy mal wieder Raum für mich zu haben. Mein eigenes kleines Reich in der Hütte mit eigenem Bad, ein Schrank, in dem ich all meine Habseligkeiten verstauen kann und nicht für jedes T-Shirt in meinem Rucksack abtauchen muss. Am ersten Wochenende auf der Farm bekommen wir Besuch von Dougs Bruder, seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar. Wir machen einen Ausflug nach 100 Mile House zum Essen und nutzen den sonnigen Samstag für unseren ersten Ausritt. Auf den habe voller Ungeduld gewartet und ich freue mich riesig als mir Doug eröffnet, dass er die hübsche Morab-Stute Cinder für mich vorgesehen hat. Er bittet mich, Cinder, Dakota, Little Rose und Brasslin von der Wiese zu holen. Das ist etwas anderes, als wenn man in Deutschland mal kurz zum Pferde einfangen geschickt wird. Ich nehme dafür den ATV und habe die Umgebung immer im Blick (wegen der Bären) als ich durch den Wald brettere um meine kleine Herde zu finden. Nach mehr als dreißig minütiger Suche habe ich die vier endlich gefunden und mache mich mit ihnen zu Fuß auf den nicht unbeträchtlichen Weg zum Haus zurück.

Ein Herz und eine Seele: Cinder und ich

Die Infos, die ich von Doug zu Cinder bekomme sind spärlich. Zwar sei sie nicht ganz einfach, aber eine erfahrene Reiterin wie ich käme schon mit ihr klar. Na, davon gehe ich aus und genieße den zweistündigen Ritt durch die beeindruckende unberührte Natur. Und Doug behält recht: Cinder und ich passen perfekt zusammen und verstehen uns prima. Nach dem Ritt nimmt mich Doug zur Seite und spricht mir sein Kompliment aus. Denn nun rückt er mit der Wahrheit raus: Cinder wurde schon Monate nicht mehr geritten, da eigentlich niemand wirklich mit ihr klarkommt und sie ihre Reiter gerne mal absetzt. Ich bin froh, dass ich das nicht im Vorfeld wusste und ganz unbefangen auf das Pferd gestiegen bin. Doug auf jeden Fall ist beeindruckt und sagt mir, dass ich Cinder für meine Zeit auf der Farm als mein eigenes Pferd betrachten dürfe und so viele Ausritte, wie ich wolle, mit ihr machen dürfe – auch wenn ich alleine das Haus hüte. Ich freue mich über so viel Vertrauen und merke schon an diesem Tag, dass es Cinder in mein Herzchen schaffen könnte.

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Der Weg von meiner Hütte zur Farm

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Ein kanadischer Traum

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Mein Pick Up

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Duke begleitet Cinder und mich beim Ausritt

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Ja, das ist eine frische Bärentatze

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Das eigene Gemüse ernten – toll!

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Die Ausbrecher-Könige

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Auf Bären-Patrouille

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Immer dabei: Duke!

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Meine kleine Ivy

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Manchmal kommt man auch mit dem Quad nicht weiter

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Wiedersehen in Whistler…

Ich sitze aufgeregt hinter dem Steuer unseres Leihwagens: nur noch ein Zwischenstopp in Kamloops und dann erreichen wir Whistler. Die Kleinstadt rund 120 km entfernt von Vancouver ist sicherlich ganz nett, aber sie alleine ist es nicht, die mein Herz schneller schlagen lässt. Vielmehr ist es Glen, der Australier, den ich an meinem Geburtstag im Mai, in Nicaragua kennengelernt habe und mit dem ich einige Zeit durch Zentralamerika gereist bin. Er lebt in Whistler und wir sehen uns nach knapp drei Monaten wieder…

Nun gut, aber es sind ja noch einige Kilometer bis wir in Whistler ankommen. Wir lassen die Rocky Mountains hinter uns und fahren in den Sommer zurück. Die Sonne scheint, die Temperaturen steigen und damit auch die Laune! Mit offenem Fenster und lauter Musik brettern wir über die kanadischen Straßen und lassen die malerische Natur an uns vorbeigleiten bis wir am frühen Abend in Kamloops ankommen. Dort verbringen wir den Abend in der kleinen Stadt, lassen uns das Dinner in einem der Straßenrestaurants schmecken und kriechen einige Stunden später in die Zelte.

Der kanadische Sommer ist zurück

Der nächste Morgen ist beinahe schon unwirklich: Die Sonne scheint, es ist warm und ich genieße mein Frühstück mit Blick auf den Thompson-River. Endlich, der kanadische Sommer ist zurück! Da steigt die Vorfreude auf die nächsten Tage nochmal mehr. Wie immer in Kanada ist auch der Weg nach Whistler das Ziel! Die Straßen führen uns durch Flusstäler, durch dunkelgrüne Wälder, an strahlend blauen Seen und reißenden Wasserfällen vorbei. Den meisten ist Whistler als einer der beliebtesten Skiorte in Nordamerika ein Begriff, 2010 war es auch Austragungsort der Olympischen Winterspiele. In Kanada hat es vor allem den Ruf, sehr teuer zu sein. Bevor wir das kleine Airbnb Appartment beziehen, das wir für die kommenden Tage gemietet haben, machen wir unseren ersten Hike rund um Whistler. Entlang des Cheakamus River wandern wir durch die Wälder rund um den Ort und freuen uns über die warme Sonne. Kaum zu glauben, dass wir vor zwei Tagen noch mit Minusgraden zu kämpfen hatten und nun in kurzer Hose herumturnen.

Wandern, feiern und entspannen in Whistler

Auf dem Weg in unser Zuhause für die nächsten Tage kaufen wir ein und lassen Tim freie Hand. Der kann sich in Küche der süßen Wohnung komplett austoben, denn eigentlich ist Tim Küchenchef auf Privatyachten und freut sich nach knapp zwei Wochen endlich mal was anderes als Dosenravioli kredenzen zu können. So verbringen wir den ersten Abend mit wunderbarem Essen und leckerem Wein bevor wir uns mit Glen ins legendäre Nachtleben des Skiortes stürzen. Für uns Europäer mutet das Ausgehen in Kanada immer etwas komisch an, denn wo wir gerade mal in die Clubs einfallen wird in Kanada schon die letzte Runde eingeläutet. Macht in diesem Fall aber garnix…

Das vierte „Auf Wiedersehen“

Die kommenden Tage in Whistler sind ein Traum! In einer Tagestour erklimmen wir nach einer Nacht mit sehr wenig Schlaf die Joffre Lakes in der Nähe von Pemberton. Das sind der Lower Lake, Middle Lake und Upper Lake, der sich letztendlich auf 1564 m Höhe befindet und einen perfekten Blick auf den Matier-Gletscher bietet. Die Farbe der Seen erinnert mich sofort an den Lake Moraine, den auch sie strahlen in einem auffälligen Türkis, hervorgerufen durch das Rock Flour. Am Abend fallen wir todmüde ins Bett und ich freue mich auf einen faulen, gemütlichen Sonntag, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass ich einfach mal fast nichts mache. Das aber in bester Gesellschaft. Die Zeit in Whistler vergeht wie im Fluge und mir fällt es schwer, mich mal wieder von Glen zu verabschieden. Aber darin sind wir mittlerweile ja schon Profis. Die Stimmung im Auto ist gedrückt als wir uns auf den Rückweg nach Vancouver machen. Tim und ich verbringen noch einen tollen letzten Tag auf Granville Island zwar bei strömendem Regen, aber mit Biertasting zusammen bevor wir auch wir uns voneinander verabschieden müssen. Am nächsten Morgen breche ich mit den Greyhound-Bus nach 100 Mile House auf. Dort werde ich mein erstes Workaway im kanadischen Backland erleben und vier Wochen auf der kleinen Farm von Pat und Doug leben. Das nächste Abenteuer wartet schon…

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Auf dem Weg nach Kamloops

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Tim kauft ein!

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Der erste Hike rund um Whisthler

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Downtown

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Chef Timmy hat gekocht

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Auf dem Weg zum höchsten Joffre Lake

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Schon wieder dieses Blau

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Seht Ihr den Gletscher?

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Alle drei zusammen – die Joffre Lakes

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Rocky Mountains, Columbia Icefield, Lake Louise und Lake Moraine: Kanadas Natur zeigt, wie es sein muss!

Der unglaublich schöne und beeindruckende Icefields Parkway bringt uns durch die Rocky Mountains ganz langsam in Richtung Banff. Der Parkway gilt mit Recht als eine der schönsten Fernstraßen der Welt, er schlängelt sich sanft durch die Rocky Mountains von Jasper bis nach Banff. Wenn man ihm folgt, kommt man zwangsläufig an einer der Hauptattraktionen vorbei: dem Columbia Icefield. Als wir in Jasper aufbrechen, sind die Temperaturen frisch, doch noch erträglich. Je höher wir uns in den Rockys schrauben, desto kälter wird es auch. Das merken wir auch an dem Regen, der sich ganz langsam in Schnee verwandelt. Perfekt!

Im Schnee ans Columbia Icefield

Angekommen am Columbia Icefield ist alles Dank des Schneeregens grau in grau – bis auf das Eisfeld. Es leuchtet durch den Schneeregen und das graue Geröll noch weißer und wir machen uns auf den Weg, um es aus der Nähe zu betrachten. Mal wieder zeigt sich, dass wir vier mittlerweile absolute Spezialisten sind, wenn es darum geht, den Lagenlook wintertauglich zu machen. Man kann mit zwei Leggins, zwei Pullis und einer Regenjacke ohne weiteres ein paar Stunden kanadischen Herbst (entspricht einem deutschen Winter) überstehen. Je näher wir dem Columbia Icefield kommen, desto beeindruckender ist es: Mit einer Fläche von 325 km², einer Dicke von 100 bis 365 m und einer jährlichen Schneefallmenge von sieben Metern ist es einer der größten Ansammlungen von Eis südlich des Polarkreises. Ich bin ja eher der rationale Typ, aber wie so oft schon auf dieser Reise bin ich zutiefst von der Natur und ihren Wundern beeindruckt und einfach nur unglaublich dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, all das mit eigenen Augen sehen zu dürfen.

Bitte keine weitere Nacht im Zelt…

Durchgefroren und zitternd setzen wir nach unserem Ausflug zum Eisfeld im Auto und beratschlagen wie es weitergehen soll. Bis Banff, unserm nächsten Ziel, sind es noch knappe 200km und die Aussicht, die nächste Nacht wieder in einem Zelt zu verbringen lässt uns noch mehr zittern. Dank des Lonely Planets wissen wir, dass auf unserem Weg ein Hostel liegt und schicken ein kleines Stoßgebet, dass dieses noch vier Betten für die Nacht frei hat. Wir kämpfen uns weiter durch den Schneeregen und als wir an dem Hostel eintreffen, haben wir Glück. Wir können die Nacht dort verbringen. Als erstes bekommen wir von dem Ranger eine genaue Einweisung, denn das Hostel ist ein sogenanntes Wilderness Hostel: Keine Duschen, nur Außentoiletten, keine Heizung – aber es gibt Holzöfen und eine Sauna, die man selbst mit Feuerholz anheizen kann. Hört sich für den normalen Reisenden jetzt eher abschreckend an, aber für uns ist es wie ein 5 Sterne Hotel im Vergleich zu den Nächten im Zelt.

Wir genießen den Abend am offenen Kamin, in der Sauna und im warmen Bett bevor es am Morgen auch schon weitergeht. Banff erwartet uns! Und je näher wir dem Städtchen kommen, desto milder wird es auch wieder. Zum Glück!!! Ach und was soll ich sagen, Banff ist einfach ein Träumchen, das ist mir gleich klar, als wir in den Ort einfahren…

Banff, was bist du nett

Mit knapp 7.600 Einwohnern ist es die größte Ortschaft innerhalb des Banff-Nationalparks in der kanadischen Provinz Alberta. Es liegt auf rund 1400m Höhe am Osthang der Rocky Mountains und der Blick, den man im Ort auf die Berge hat, ist der Knaller. Unser erster Weg führt uns wie immer in die Touristeninformation und wir kümmern uns um einen Zeltplatz für die Nacht. Dieser ist etwas außerhalb und liegt wieder mal idyllisch in einem Wäldchen in der Nähe des Two Jack Lakes. Wir bauen schnell die Zelte auf, richten uns etwas ein und dann geht es auch schon zurück in den Ort. Dort picknicken wir mit Blick auf die Berge, schlendern durch die Straßen, kehren bei Starbucks ein (Internet und Kaffee) und kaufen bei einem kleinen Bummel Winteraccessoires: Mütze und Handschuhe machen in Anbetracht der nächsten Tage im Zelt absolut Sinn!

Am Abend gehen wir aus, das kann man hier ganz gut, denn viele Australier machen das Örtchen zur kleinen Partyhochburg. Die Vorfreude auf unser Zelt hält sich bei uns allen in Grenzen als wir in der kalten Nacht langsam zurück auf den Zeltplatz fahren. Nach der kühlen Nacht, schmeißen wir uns früh am Morgen ins Auto und fahren in den Ort. Dort führt uns der erste Weg mal wieder zu Starbucks – Internet und Frühstück! Nachdem wir uns aufgewärmt haben und es auch draußen langsam milder wird, geht es weiter: wir haben einen Hike rund um Banff geplant, der uns am Ende zu den Hotsprings (Yeah, mal wieder duschen) führt. Dort lassen wir den Nachmittag im warmen Wasser ausklingen bevor es zum Abendprogramm wieder nach Banff geht. Dort planen wir bei leckerem Abendessen eines (meiner) Highlights des Kanada-Trips: Es geht an den Lake Louise und den Lake Moraine. Googelt man Bilder von Kanada, kann man davon ausgehen, dass unter den Toptreffern auf jeden Fall Lake Louise dabei ist. Also sind meine Erwartungen sehr hoch als wir am nächsten Morgen bei traumhaften Wetter mit Sonnenschein den Highway entlang brettern.

Das muss man gesehen haben: Lake Louise

Wir schlängeln uns die Berge hoch bis wir den Parkplatz erreichen. Mit einer nicht gerade geringen Anzahl weiterer Besucher laufen wir die letzten Meter bis der See vor uns liegt. Und ja, er ist genauso wunderschön wie ich es von all den Bildern kenne. Das unglaubliche Türkis des Sees sticht einem als erstes ins Auge und man fragt sich, wie die Natur eine so fast künstliche Farbe hinbekommt. Dafür gibt es eine Erklärung: die Farbe stammt von Steinmehl, das von Gletscherschmelzwasser in den See gespült wird. Auch für uns muss der See für eine ausgedehnte Fotosession herhalten und somit entstehen hier einige meiner Lieblings Kanadabilder. Wir wandern um den See und genießen immer wieder den Blick auf das Wasser vor der wunderbaren Kulisse der Rocky Mountains.

Geht`s noch schöner? Jaaa…

Als wir nach einigen Stunden wieder im Auto sitzen um Lake Moraine anzusteuern, sind wir sicher, dass Lake Louise nicht zu toppen ist. Tja, aber Kanada lehrt uns eines Besseren. Denn Lake Moraine ist einer der schönsten Plätze an, denen ich je war. Der See liegt etwas höher als Lake Louise auf knapp 1900m im Valley of the Ten Peaks, dem Tal der zehn Gipfel der Wenkchemna Range und wird von Gletschern gespeist. Wir klettern auf einem Wanderweg einen Berg hoch um den Blick auf die ganze Schönheit des Sees genießen zu können. Und als wir oben ankommen, verschlägt es uns die Sprache. Dachten wir ein paar Stunden zuvor, die Farbe des Lake Louise sei unnatürlich, glaube ich jetzt, dass vor uns jemand einen überdimensionalen Farbtopf platziert hat. Der See strahlt in einem milchigen Türkis und reflektiert Sonne und Berge in seiner Oberfläche. Die fast schon künstliche Färbung ist auf die Partikel des Gletscherabriebs zurückzuführen, die das Licht reflektieren. Andächtig bleiben wir sitzen und genießen einfach nur das Bild! Irgendwann reißen wir uns dann doch los und erkunden die Wanderwege um den See bevor wir uns langsam auf den Rückweg nach Banff machen, wo wir unseren letzten Abend verbringen. Nächstes Ziel auf unserem Roadtrip: Whistler. Und Glen…

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4 Grad – aber es wird noch kälter auf dem Icefield Parkway

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Columbia Icefield

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Wilderness Hostel in den Rockys

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Vorsicht Bär!

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Gut, das gehört in Kanada dazu!

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Die Rocky Mountains rund um Banff

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Morgen Routine in Banff

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Ohne Bärspray kein Zutritt!

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Auf dem Weg zum Lake Louise

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Lake Louise – ein Traum

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Lake Moraine

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Hike um den Lake Moraine

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Kanadische Sommernächte im Zelt